2015 04 Nilgaense Guenter-SchnitzlerBei unseren Spaziergängen an den neu entstandenen Wasserflächen rund um unsere Stadt, aber auch auf Feld- und Wiesenflächen, kann man häufig relativ „bunte" Gänse beobachten. Dabei handelt es sich um Nilgänse, sogenannte Neozoen. Was sind Neozoen? Als Neozoen bezeichnet man Tierarten, die direkt oder indirekt durch die Wirkung des Menschen in andere Gebiete eingeführt worden sind und sich dort fest etabliert haben.

Foto - Günter Schnitzler: Nilgansfamilie am Rheinufer / CC-BY-SA-3.0de

Neozoen werden in der Regel als problematisch eingeordnet, wenn sie eines oder gar mehrere der folgenden Kriterien erfüllen: Sie gefährden oder verdrängen einheimische Arten, sie verändern heimische Ökosysteme, sie richten wirtschaftlichen Schaden an, sie gefährden die Gesundheit des Menschen, sie schleppen Krankheiten und gebietsfremde Parasiten ein. Letztlich führen sie zu Beeinträchtigungen bei Jagd und Fischerei.

Neozoen gibt es nicht nur unter der Gruppe der Vögel, sondern auch in anderen Tiergruppen. Allein in Deutschland sind mittlerweile fast 700 Neozoen aus den unterschiedlichsten Tiergruppen heimisch geworden. Populationen von Wildbeständen beruhen auf menschlichen Ansiedlungsversuchen. In Europa bzw. Deutschland zum Beispiel der Damhirsch, der Sikahirsch, der Europäische Mufflon und der Fasan. Hinzu kommt die Auswilderung der Kanadagans in Nordeuropa, welche seit 1970 auch in Deutschland als Brutvogel auftritt und das Vorkommen von Halsbandsittichen aus entflogenen Käfigvögeln an vielen Stellen in West- und Südeuropa. Besonders häufig hat er die Parkanlagen entlang des Rheins, besonders in Düsseldorf, Wiesbaden, Worms, Mannheim/Ludwigshafen, Heidelberg, Bonn, Mainz und den Rhein-Neckar-Raum als zusagendes Brutgebiet entdeckt. Der Bestand wurde 2011 auf 7500 Tiere und rund 1500 Brutpaare geschätzt. 2012 wurden die ersten Paare aus Frankfurt/Main gemeldet.

Im Jahr 2000 entwichen mehrere Nandus aus einer Freilandhaltung in Schleswig-Holstein nahe der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern und haben sich in der freien Landschaft angesiedelt. Der Nandu ist ein flugunfähiger Vogel aus Südamerika. Er gehört zur Ordnung der Laufvögel. Mit einer Scheitelhöhe von 1,25 bis 1,40 Metern (Rückenhöhe ca. 1 Meter) und einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm zählt der Nandu zu den größten Vögeln.

Bereits 2001 wurde der Nachweis einer erfolgreichen Brut durch die Beobachtung eines Männchens mit 14 Küken erbracht. In den folgenden Jahren gab es weitere erfolgreiche Bruten. Gegenwärtig wird der Bestand mit 100 Tieren angegeben. Das Verbreitungsgebiet hat wegen der Nandus bereits einen touristischen Aufschwung erhalten.

Wie sich die Ansiedlung von Neozoen auch negativ auswirken kann, zeigt folgendes Beispiel: Die aus Süd- und Mittelamerika stammende Aga-Kröte wurde 1935 in Australien ausgesetzt, um die Zuckerrohrernte vor einer Zuckerrohrkäferplage zu schützen. Das misslang gründlich. Die Kröte ernährt sich nicht von diesen Käfern, sondern von zahlreichen z.T. gefährdeten Arten Australiens. Gleichzeitig gefährdet sie auch größere Beutegreifer, weil diese, wenn sie die Aga-Kröte, aber auch ihre Eier oder Kaulquappen fressen, an deren Hautgiften zugrundegehen. Australien hat teure Programme zur Bekämpfung dieser Kröte aufgelegt, um sie wieder los zu werden. Als letztes Beispiel soll noch die Ansiedelung des Waschbären in Deutschland erwähnt werden. War er vor einigen Jahren ein in Käfigen gehaltener beliebter Fell-Lieferant, so hat er sich jetzt in seinem „Freileben" zum Schädling entwickelt.

Nun jedoch zu der Vogelart, wie bereits eingangs genannt, die wir in unserer Gegend beobachten können.

Die Nilgans ist der einzige Vertreter ihrer Gattung und wird oft den Halbgänsen zugerechnet. Sie ist eigentlich afrikanischen Ursprungs, wo sie an subtropischen Binnenseen und Flüssen lebt. Ausgehend von Gefangenschaftsflüchtlingen breitete sie sich jedoch in den letzten Jahren zunehmend in Mitteleuropa aus. Charakteristisch für die Nilgans sind ihre verhältnismäßig hohen Beine sowie der dunkle Augenfleck. Beide Geschlechter gleichen sich, nur ist das Männchen (Ganter) unwesentlich größer. Die vergleichsweise "bunte" Färbung der alten Tiere stellt sich mit etwa vier bis fünf Monaten ein, wenn sich Augen- und Brustfleck voll entwickelt haben. Neben der gewöhnlichen Färbung tritt auch eine etwas grauere Morphe auf, die verschieden stark ausgeprägt sein kann. Auch die Färbung des Schnabels variiert von blassrot bis tiefrot. Gefangenschaftsflüchtlinge weisen meist sehr rote Schnäbel auf.

Fliegende Nilgänse haben ähnlich wie die Rostgänse ein großes weißes Armflügelfeld. Das Dunenkleid der Küken ist an der Oberseite oliv erdbraun bis dunkel zimtbraun. Die Küken haben außerdem strohgelb gefärbte Partien an den Flügeln und an der Körperunterseite sind sie weiß gefärbt. Der Schnabel, die Iris sowie die Füße sind von gelblich grauer Farbe. Ursprünglich war die Nilgans in fast ganz Afrika außer den extremen Trockengebieten beheimatet.

Bezüglich ihrer Nistplatzwahl ist die Nilgans sehr flexibel. Die Nester werden im Röhricht und gelegentlich auch zwischen Felsgestein errichtet. Nilgänse nutzen außerdem auch Baumhöhlen in einer Höhe von bis zu 20 Metern über dem Erdboden. In Europa brütende Nilgänse nehmen auch Greifvogelhorste und Krähennester als Niststandort an. Ein Nilgänsepaar bleibt lebenslang zusammen. Wenn sie brüten, dulden sie keine anderen Gänse oder Enten in ihrer Nähe. Das Weibchen brütet allein, das Männchen hält Wache. Die Jungen werden von beiden Eltern gefüttert und aufgezogen.

Das Nest wird mit Dunen ausgepolstert. Wird das erste Gelege wegen Störungen aufgegeben oder wird es zerstört, kommt es in der Regel zu einem Nachgelege. Die Eier sind weiß und glänzen schwach. Die Brutdauer beträgt 30 Tage. Das Gelege besteht meist aus acht Eiern. Mit etwa neun bis zehn Wochen sind die Junggänse ausgewachsen und flugfähig. Die Nahrung der Nilgänse besteht aus Gräsern, Sämereien, Würmern, kleinen Krebstieren, Schnecken und Wasserpflanzen. Am meisten fressen sie verschiedene Gräser und Wasserpflanzen. Im Winter besuchen sie auch gern landwirtschaftliche Mais- oder Rübenmieten.

Leider wird durch die Ausbreitung der Nilgans in Mitteleuropa von Seiten der Jäger der Ruf nach Bejagung laut, ohne das Schäden durch diese Art nachgewiesen wurden. Das hat in einigen Bundesländern, auch in Sachsen, zur Aufnahme in die Liste der jagdbaren Arten geführt (Jagdzeit: 1.08. bis 31.01.) Abschließend noch einige Zahlen: Per Stand November 2003 galten in Deutschland 1149 Neozoen-Arten als bekannt; davon 553 Arten Insekten, 163 Arten Vögel und 22 Arten Säugetiere.

Klaus Rost