Vor noch nicht allzu langer Zeit galten Vögel in weiten Teilen der Bevölkerung als wertvollste Helfer bei der Bekämpfung von Insekten in unseren Gärten. Die Insekten indes galten aufgrund ihrer Verhaltensweisen und Fressgewohnheiten als stechende, beißende und saugende Plagegeister, die auch noch Krankheiten übertragen könnten. So hatten sie allgemein einen schlechten Ruf und wurden pauschal als Schädlinge abgestempelt. Bis auf wenige Ausnahmen bekämpfte man sie rücksichtslos mit der chemischen Keule gleich welcher Art. Dabei wusste man im Einzelnen zu wenig über die Artenvielfalt und deren wichtigen und umfangreichen ökologischen Funktionen im Naturhaushalt. Oder wollten wir es nicht wissen?

In unserer, seit Jahrhunderten von Menschenhand und Geist geprägten Kulturlandschaft haben sich Pflanzengesellschaften und Tiergemeinschaften entwickelt, die in Abhängigkeit zueinander leben, aber auch in ihr vergehen. Räuberisch lebende Arten aus dem Reich der Insekten, Spinnentiere und andere Kleinstlebewesen erfüllen dabei hauptsächlich regulierende Aufgaben und helfen so bei der biologischen Schädlingsbekämpfung. Ihre vielfältigsten Jagd- und Fressstrategien spielen sich meist im Verborgenen ab und sind deshalb für uns kaum erlebbar. Sie sorgen dabei, dass stabile Populationen in den einzelnen Arten erhalten bleiben und verhindern aber auch gleichzeitig die Entwicklung von Überpopulationen. Deshalb hat in einem intakten Naturhaushalt noch nie eine Tierart eine andere ausgerottet!

Lange Zeit hat es gedauert, bis der Mensch die Vorgänge in der Natur im Zusammenhang erkannte und tolerierte. Er musste einsehen, dass jedes Lebewesen, ob Pflanze, Tier oder Pilz eine oder mehrere ökologische Funktionen in den immer wiederkehrenden Kreisläufen, die sich in Flora und Fauna abspielen, zu erfüllen hat. Leider gibt es heute noch immer (zu) viele Zeitgenossen, die den Bezug zur Natur verlieren oder schon verloren haben, die wissenschaftliche Erkenntnisse und Naturschutzbelange ignorieren und danach handeln. Sie begehen damit aber nur die kleinen Sünden, die in der Umwelt angerichtet werden.

Viel schwerwiegender sind  Eingriffe in den Naturhaushalt, die aus angeblich wirtschaftlichen Gründen, Profitgier und Missachtung der Kreatur geschehen! Durch  rücksichtslose und unkontrollierte Plünderungen  gehen unserem Planet und den kommenden Generationen dabei natürliche und lebensnotwendige Ressourcen unwiederbringlich, d.h. für immer, verloren! Der  Raubbau  dieser Art brachte in der Vergangenheit – und noch heute – das biologische Gleichgewicht allzu oft aus der Balance.  Ein weltweites Artensterben in der Pflanzen- und Tierwelt waren nur eine der Folgen.

Das bekommt zurzeit unsere  Vogelwelt  zu spüren! Seit etwa zehn Jahren setzt bei vielen heimischen Brutvögeln ein  Artenschwund  und ein  Rückgang der Individuen  ein, der erst schleichend begann. Jedoch mit der Zeit rasante Formen annahm und im vorigen Jahr ein erschreckend hohes Ausmaß erreichte!

Die Ursachen hierfür sind vielschichtig, da es sich um Arten aus den verschiedensten Ordnungen bzw. Familien handelt. Vom Gesetz her sind in Deutschland alle Vogelarten geschützt und die meisten von ihnen wurden mit dem Status  „GEFÄHRDET“  oder  „BEDROHT“  eingestuft. Im vorliegenden Fall hat das leider nicht genutzt und dieser Trend macht auch vor unserer Gartentür nicht „HALT“.

Die meisten Gartenvogelarten leiden unter permanentem Futtermangel und am Verlust von Brutplätzen. Es gibt einfach zu wenig Insekten und andere Kleinstlebewesen mehr! Davon sind besonders insektenfressende Arten aus der Familie der  MeisenDrosselnGrasmückenLaubsängerSchwalbenFliegenschnäpper  und andere betroffen. Bei Finkenvögeln und Sperlingen, die sich vorwiegend von Sämereien und Beeren ernähren, ist die Situation nicht ganz so dramatisch.

Aber bei der Aufzucht der Jungvögel von diesen Arten spielt die Mangelerscheinung eine existenzielle Rolle, denn sie benötigen dazu ausnahmslos eine animalische, proteinreiche Kost. Diese Futternot hatte zur Folge, dass in den letzten Jahren die Gelege kleiner wurden bzw. einzelne Junge oder sogar die gesamte Brut im Nest verhungerte! Viele Brutpaare brüten auch deshalb in der Saison statt zweimal nur noch einmal oder setzen ganz aus. Das ist nur eine von den Ursachen, die zu den Verlusten in der Vogelwelt geführt hat.

Dazu kommen noch die Raubzüge von natürlichen Feinden, wie Marder, Fuchs, Waschbär, verwilderte Katzen, Greifvögel, Elstern und Eichelhäher *) etc. Diese hat es aber schon immer gegeben und sie erfüllen auch heute noch, wenn auch eingeschränkt, tierhygienische Funktionen im Naturhaushalt.

Um die Not der Vögel in unseren Gärten zu lindern, kann jeder Kleingärtner auch seinen Beitrag dazu leisten. Mit einer umweltfreundlichen Gestaltung der Parzelle kann er schon einiges bewirken  (die vielfältigsten Anregungen und Tipps dazu gaben und geben es stets im Mitteilungsblatt "Leipziger Gartenfreund" !).

Geschmack ist subjektiv und man kann bekanntlich darüber streiten. Wenn aber bei der Gestaltung von Gärten, wie es heutzutage leider bei vielen Eigenheim- und Stadtvillenbesitzern Mode ist, eine Hollywood-Filmkulisse nachgeäfft wird, in der fremdländische, für unsere heimische Flora untypische Gewächse angepflanzt werden, um so einen Hauch exotischem Flairs herbei zu zaubern.

Wo die Wiese wie ein Golfplatzrasen mindestens einmal in der Woche vom Rasenmäher rasiert und mit Dünger gemästet wird, wo eine Thuja- oder Lebensbaumhecke ständig zurecht geschnippelt wird, dass sie eher einer Grabeinfriedung für Insekten und Vögel gleicht und wo jedem Blatt, das vom Baum oder Strauch fällt, mit dem Laubsauger der Marsch geblasen wird, verkommt der Biotoptyp „Garten“ zum „Exotop“. Hier nützt auch kein Nistkasten mit allem Komfort mehr, den man als Ausdruck der Naturverbundenheit (meistens noch an der falschen Stelle) aufgehängt hat. In einer solch künstlich geschminkten Gartenlandschaft ist das Leid für alle Tiergesellschaften, die seit der Eiszeit in unserer Klimazone heimisch sind, kaum zu lindern. Sie büßen durch diese Umstände viel von ihrer Lebensraumqualität ein und im schlimmsten Fall siechen nicht wenige Arten unter ihnen in ihrer angestammten Brutheimat schleichend dahin.

Liebe Gartenfreunde, betrachten Sie bitte diesen Beitrag nicht als besserwisserischen Appell, sondern als Denkanstoß. Gestalten und bewirtschaften Sie Ihr Reich zwischen den vier Gartenzäunen mit einer naturnahen, artenreichen Bepflanzung im Rahmen der kleingärtnerischen Gemeinnützigkeit, dann wird auch sicherlich im nächsten Frühjahr die Amsel wieder ihr Liedchen vom Apfelbaum flöten und so mancher Schmetterling in ihren Garten liebestrunken von Blüte zu Blüte taumeln.

*) Der Eichelhäher als Waldvogel besiedelt seit einiger Zeit unsere Ortschaften und wird durch seine Anpassungsfähigkeit so zum Kulturfolger.

wird fortgesetzt

Peter Schädlich – Gartenfachberater der Fachkommission des Stadtverbandes und Mitarbeiter der Vogelschutzlehrstätte